Blockchain: Abbau übermäßiger Bürokratie durch Einsatz zeitgemäßer Informationstechnologie

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Blockchains und deren Einsatz sind bereits seit einigen Jahren im Rahmen von BitCoins & Co in aller Munde. Das allgemeine Konzept der Blockchain-Technologie findet jedoch eine wesentlich vielseitigere Anwendung jenseits der reinen Implementierung als Zahlungsmittel und zur Abbildung der zugehörigen monetären Transaktionen. Gerade in den letzten Jahren haben sich die Studien und Testanwendungen beispielsweise zur vereinfachten und sichereren Abbildung von Verträgen intensiviert. Verschiedene Anwendungen der Blockchain haben hierbei einen Reifeprozess bezüglich ihrer Praktikabilität durchlaufen und stellen für viele Bereiche, vor allem in der Finanzwelt, den nächsten Entwicklungsschritt in der Nutzung moderner Informationstechnologie dar.

Bereits im Artikel "Blockchain - Chancen einer aufstrebenden Technologie in der Finanzindustrie" hat Finbridge die grundlegende Funktionsweise der Blockchain beleuchtet. Im folgenden Artikel möchten wir dem interessierten Leser einige Vorteile der Blockchain Anwendung näher bringen, in dem wir uns mit dem Thema beschäftigen.

Wie können Trust-Provider das Problem der Integration exogener Datensätze und übermäßiger Bürokratie lösen?

Einführend sollten wir zunächst Bürokratie definieren. Gemäß Cambridge Dictionary ist Bürokratie "ein System zur Kontrolle oder Verwaltung eines Landes, eines Unternehmens oder einer Organisation, das von einer großen Anzahl von Beamten betrieben wird, die damit beschäftigt sind, die Regeln genau einzuhalten". Sie umfasst folglich ein Set an definierten Regeln, die im Rahmen festgelegter Prozesse von bestimmten Personen durchgeführt werden.

Während Bürokratie einst überwiegend lokal und auf nationaler Ebene gelebt wurde, wuchs die Anzahl wie auch die Komplexität bürokratischer Prozesse in den letzten Jahrhunderten enorm – insbesondere mit der Entwicklung internationaler Handelsbeziehungen. Heute zu Tage verbinden die meisten Menschen mit dem Wort „Bürokratie“  vor allem übermäßig komplizierte und zeitintensive Verwaltungsverfahren – unseres Erachtens nicht besser zu illustrieren als im „Haus, das Verrückte macht“ aus dem Comic ‚Asterix erobert Rom‘ geschehen.

 
  Abbildung 1: Beispielhafte Skizze eines bürokratischen Prozesses in der rein analogen Welt: papierhafte Speicherung und Transport von Informationen.   Quelle: Finbridge GmbH & Co KG

Abbildung 1: Beispielhafte Skizze eines bürokratischen Prozesses in der rein analogen Welt: papierhafte Speicherung und Transport von Informationen.

Quelle: Finbridge GmbH & Co KG

 

Betrachtet man bürokratische Prozesse beispielsweise von vor hundert Jahren und von heute etwas genauer, so ist ein interessanter Aspekt, dass – trotz Wachstum und Vervielfältigung bürokratischer Anforderungen - das grundlegende Konzept der Prozesse und Interaktionen über die Zeit sehr konstant war bzw. ist (vgl. Abbildung 1).

Die bürokratischen Prozesse zu einem bestimmten Vorgang basieren im Wesentlichen auf der Tatsache, dass Informationen, die an einem bestimmten physischen Ort, z.B. bei einer Bank A  gespeichert sind und an einem anderen physischen Ort, z.B. einer Bank B, benötigt werden, damit die Bank B eine bestimmte Aktion für einen Kunden ausführen kann.  Damit der Kunde von der Bank B bekommt, was er benötigt, muss er zu Bank A gehen, sich die Information mit ‚Brief und Siegel‘ bestätigen lassen und anschließend der Bank B zur Verfügung stellen. Die Bank B prüft bei Erhalt der Information deren Siegel, um die Authentizität des Ausstellers zu verifizieren.

Die einzelnen Schritte, bis die Bank B die gewünschte Aktion ausführen kann, benötigen jeweils die physische Präsenz des Kunden oder ggf. eines Vertreters, eines Mediums, das die Informationen enthält und transprotierbar macht (Brief), und die Vereinbarung zwischen den Banken, dass ein bestimmtes Siegel die Korrektheit der Information, die der Kunde überbringt, sowie die Legitimität des Ausstellers garantiert.

Sowohl die Arbeitsschritte, die in den Banken erfolgen müssen, als auch die implizite Garantie des Siegels werden dem Kunden in Rechnung gestellt. Dem Kunden entstehen somit sowohl zeitliche als auch finanzielle Aufwände durch die vorhandene Bürokratie.

Zusätzlich ist der beschriebene Prozess anfällig für einige Fehlerquellen:

  • Die Ausstellung des Briefes kann fehlerhaft sein, sodass die Daten im Brief und den Büchern nicht übereinstimmen (operationelles Risiko).

  • Die besiegelten Informationen können zwischen den Banken verfälscht werden (Betrug)

  • Die Übernahme der Informationen vom Brief in die Bücher der Bank B kann fehlerhaft sein (operationelles Risiko).


[Digitalisierung] Datenbanken statt Zentrales Informationsverzeichnis

Während ursprünglich alle am bürokratischen Prozess beteiligten Stellen die papierhafte Speicherung der Informationen nutzten, wurde diese im Rahmen der Digitalisierung der Arbeitswelt ersetzt durch den Einsatz von Datenbanken. Datenbanken erlauben die Speicherung erheblich größerer Datenmengen bei geringerem Platz- und Kostenbedarf. Nicht zu vergessen ist auch der Zeitfaktor: Die Extraktion der Daten, bspw. um den Brief für den Kunden zu erstellen, wurde beschleunigt, da die Suche und Verwaltung der Informationen in Datenbanken mit verschwindendem Aufwand verbunden ist.

Durch die alleinige Umstellung der Informationsspeichermedien hat sich der bürokratische Prozess selbst jedoch kaum verändert: Noch immer muss der Kunde die –nun digital – beim Amt gespeicherte Information abfragen und in papierhafter Form an die Bank B überstellen. Die Bank B digitalisiert die Information automatisch oder manuell [Siehe auch: “Proof of Concept: Machine Learning und Zweitschriften“] und übernimmt sie in seine Datenbanken, nachdem die Echtheit der Information anhand des Siegels verifiziert wurde. Der bürokratische Gesamtaufwand hat sich, trotz Einsatz moderner Informationstechnologie, nur marginal verringert (vgl. Abbildung 2). Auch das Risiko, dass die Information trotz Siegel modifiziert wurde bevor sie bei der Bank B eintrifft, ist unverändert vorhanden.

 
  Abbildung 2: Beispielhafte Skizze eines bürokratischen Prozesses in der digitalisierten Welt: Bücher werden durch Datenbanken ersetzt, aber physische Zertifikate sind noch vorhanden.   Quelle: Finbridge GmbH & Co KG

Abbildung 2: Beispielhafte Skizze eines bürokratischen Prozesses in der digitalisierten Welt: Bücher werden durch Datenbanken ersetzt, aber physische Zertifikate sind noch vorhanden.

Quelle: Finbridge GmbH & Co KG


 

[Digitalisierung] Next Level

Nutzung der Blockchain um Korrektheit der transportierten Daten sicherzustellen und den Prozess zu vereinfachen

Der nächste Schritt um bürokratische Prozesse in einer digitalisierten Welt sowohl hinsichtlich des Zeit- und Kostenaufwandes als auch bezüglich des Sicherheitsaspektes zu optimieren, besteht unseres Erachtens in der unterstützenden Nutzung der Blockchain-Technologie. Um die Vorteile derselben zu veranschaulichen betrachten wir folgendes Beispiel:

Beispiel a)

Herr Müller kauft die Aktie der Mittelstand AG über die Handelsbank. Da Herr Müller selbst bei der Bank BeispielLB arbeitet, muss er dieser – zum Ausschluss eines Insiderhandels- einen Nachweis über den Aktienkauf erbringen. Die BeispielLB prüft die Kaufinformation und bestätigt deren Rechtmäßigkeit.

Wenn Herr Müller den Kauf der Aktie der Mittelstand AG bei der Handelsbank abschließt, speichert die Handelsbank nach wie vor die Kaufinformation in der hauseigenen Datenbank. Zusätzlich erstellt und speichert die Handelsbank ein Echtheitszertifikat über den Kauf in einer Blockchain. Dieses Zertifikat besteht aus der Signatur des Herausgebers (Handelsbank), einem Hash („123“), der sich eindeutig aus der tatsächlichen Kaufinformation errechnen lässt, und der Ablagebestätigung der Kaufinformation zum angegebenen Hash. Der Inhalt der Kaufinformation ist dabei zu keinem Zeitpunkt in der Blockchain sichtbar (Datenschutz!). Das Zertifikat hat somit den beispielhaften Inhalt: „Die Handelsbank ist Eigentümer der Information zu Hash 123.“

Die Handelsbank teilt die Kaufinformation mit Herrn Meyer. Die BeispielLB sieht in der Blockchain zunächst nur das Zertifikat, ohne den Inhalt der Kaufinformation zu kennen. Herr Meyer übermittelt den Inhalt der Kaufinformation an die BeispielLB. Diese errechnet den Hashwert der von Herrn Meyer übermittelten Kaufinformation und überprüft die Übereinstimmung des Blockchain-Zertifikats und des errechnetem Hashwertes. Nur wenn diese identisch sind, wird die Information als gültig anerkannt.

In der teildigitalisierten Welt ist uns der Ablauf bürokratischer Prozesse, wie schematisch in Abbildung 2 dargestellt, wohlbekannt. Wie verändert sich dieser Prozess nun durch den Einsatz von Blockchain-Technologien?

Ein möglicher Ablauf des obigen Beispiels könnte wie folgt aussehen (vgl. Abbildung 3).

 
  Abbildung 3: Beispielhafte Skizze eines bürokratischen Prozesses in der digitalisierten Welt unter Einsatz von Blockchain Technologie.   Quelle: Finbridge GmbH & Co. KG

Abbildung 3: Beispielhafte Skizze eines bürokratischen Prozesses in der digitalisierten Welt unter Einsatz von Blockchain Technologie.

Quelle: Finbridge GmbH & Co. KG

 

Für den allgemeinen Fall zusammengefasst ergibt sich der Ablauf:

  1. Der Herausgeber einer Information speichert sie auf seinen Datenbanken und gibt die Informationen dem Kunden zusammen mit dem zugehörigen Zertifikat, das den Hash des Datensatzes sowie die Signatur des Herausgebers enthält.

  2. Das Zertifikat wird per Blockchain gespeichert, die Daten selbst jedoch nicht.

  3. Der Kunde übermittelt eine Information an die Bank B, damit diese eine bestimmte Aktion für den Kunden ausführt.

  4. Die Bank B prüft den vom Kunden erhaltenen Datensatz. Dazu errechnet sie lediglich den Hash des übermittelten Datensatzes, vergleicht ob das mitgelieferte Zertifikat in der Blockchain vorhanden ist und ob die Hashes übereinstimmen. Bei Übereinstimmung sind die Informationen vertrauenswürdig.


Ergebnis

Der oben beschriebene Einsatz der Blockchain stellt einen nächsten Schritt in der IT-Revolution dar, der anstelle von Datensilos und komplizierten Sicherheitsstrukturen bei der Ausführung bürokratischer Prozesse eine effizientere Lösung anbietet.


Im Kern kontrolliert der Kunde weiterhin die Verteilung seiner Daten, kann diese jedoch nicht einfach manipulieren, da die Echtheit bei jeder Nutzung per Blockchain verifiziert wird. Da die Daten digital vorliegen und auch digital weitergegeben werden können, sinken die Betriebskosten für die Banken und die Kunden durch die nun mögliche automatische Datenübernahme. Zusätzlich steigt die Datenqualität und -verfügbarkeit, da der zuvor nötige Wechsel zwischen digitaler und analoger Welt wegfällt.


Team

 
  Henrique Schulz   Associate Manager  Digital Transformation  henrique.schulz at finbridge.de  +49 151 58062199   LinkedIn  |  Xing

Henrique Schulz

Associate Manager

Digital Transformation

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  Dr. Jacqueline Bonnet   Senior Consultant  Digital Transformation   LinkedIn  |  Xing

Dr. Jacqueline Bonnet

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  Maximilian Hentschel   Consultant  Blockchain   LinkedIn  |  Xing

Maximilian Hentschel

Consultant

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